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Kritik am „Autopilot“ wird Dauerthema für Tesla

Zuerst ein Unfall mit einem Tesla-Elektroauto, dann Systemkritik am „Autopilot“-Assistenzsystem: Tesla hat in den USA mit heftigen Vorwürfen zu kämpfen. Was diesmal anders ist – und warum ein zentrales Versprechen von Elon Musk ins Wanken gerät.

Das Erstaunliche ist diesmal die Stille. Vor einigen Tagen hat das einflussreiche US-Verbrauchermagazin Consumer Reports dem Elektroautohersteller Tesla eine Breitseite verpasst. Nach Angaben des Magazins habe man gefährliche Mängel bei Teslas Fahrassistenten namens "Autopilot" festgestellt: Ein Tesla Model Y würde auch mit einem leeren Fahrersitz selbst fahren, hieß es am Donnerstag auf der Website von Consumer Reports.

Es ist ein Angriff auf eine der größten Verheißungen von Tesla: Mit Hilfe von Teslas erweitertem "Autopilot" würden seine Elektroautos bald vollständig autonom fahren können, verspricht Tesla-Chef Elon Musk immer wieder. Häufig meldet sich Musk gerne selbst via Twitter zu Wort, wenn es um Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Autopiloten geht. So etwa jüngst erst vor einigen Tagen, als er via Twitter bestritt, dass ein erweitertes Autopilot-System bei einem tödlichen Unfall aktiviert gewesen sei.

Kurz vor dem tödlichen Unfall, bei dem laut Polizeiberichten offenbar niemand hinter dem Steuer saß, hatte Musk noch via Twitter auf den Sicherheitsbericht von Tesla verwiesen, laut dem Fahrer mit angeschaltetem Autopiloten eine um zehn mal niedrigere Häufigkeit von Unfällen im Vergleich zu "Durchschnittsautos" aufweisen.

Zur harschen Kritik von Consumer Reports an Teslas Assistenzsystem hingegen meldete sich Musk gar nicht mehr via Twitter zu Wort. Lieber veröffentlichte er zuletzt via Twitter Erfolgsmeldungen der etwas anderen Art: Etwa zum erfolgreichen Andockmanöver der Raumkapsel seines zweiten Unternehmens SpaceX - oder eine Bestätigung, dass er eine Folge der in den USA höchst beliebten Fernseh-Comedysendung "Saturday Night Life" moderieren wird.

Tesla-Autopilot könnte "extreme Gefahr" bringen, meint Consumer Reports

Dabei hatte das einflussreiche US-Verbrauchermagazin eine von Teslas wohl meistdiskutierten Technologien frontal attackiert. Auf einer Teststrecke sei es Ingenieuren beim Model Y gelungen, das Programm trotz eines leeren Fahrersitzes anzuwenden, teilte Consumer Reports am Donnerstag mit. Dabei habe das System keinerlei Warnungen oder Hinweise abgegeben. Auf öffentlichen Straßen würde ein solches Szenario eine "extreme Gefahr" darstellen, so das Blatt.

Tesla weist Kunden zwar selbst darauf hin, dass der sogenannte Autopilot nur ein Assistenzsystem sei und deshalb der Mensch im Fahrersitz jederzeit die Hände am Lenkrad behalten müsse. Eigentlich soll die Software es bemerken und Warntöne abgeben, wenn dies nicht der Fall ist.

Doch im Test von Consumer Reports versagte das System angeblich nicht nur dabei sicherzustellen, dass der Fahrer jederzeit das Steuer übernehmen kann - es war dem Bericht nach nicht mal in der Lage festzustellen, ob der Fahrersitz überhaupt besetzt ist. "Tesla fällt bei Modellen mit fortschrittlichen Fahrassistenzprogrammen hinter andere Autohersteller wie General Motors und Ford zurück, die Technik nutzen, die sicherstellt, dass der Fahrer die Straße im Blick behält", meint Experte Jake Fisher von Consumer Reports.

System-Freiheiten sorgen nicht unbedingt für mehr Sicherheit

Tatsächlich steht Teslas Assistenzsystem wegen seiner Bezeichnung "Autopilot" schon lange unter Druck. Kritiker meinen, dass der Name eine Übertreibung ist, die zu fahrlässiger Nutzung einladen könnte. Tesla weist zwar bei der erstmaligen Aktivierung des Systems ausführlich auf dessen Grenzen hin.

Allerdings, und das zeigen Testfahrten von manager magazin ebenso wie die Warnungen Dutzender Branchenkenner, unterscheidet sich der Autopilot wesentlich von anderen Assistenzsystemen am Markt: Das System lässt den Fahrern schlicht und einfach mehr Freiheiten, die der Sicherheit aber nicht unbedingt zuträglich sind.

So deaktiviert sich das System auch in engeren Kurven nur selten selbst. Anders als etwa Mercedes oder BMWs Assistenzsysteme ermöglicht Tesla es seinen Autopilot-Nutzern, den Wagen zumindest in den USA von Autobahnauffahrt zu Autobahnabfahrt fast komplett automatisch steuern zu lassen, inklusive selbstständigem Spurwechsel. Deutsche Hersteller, die ähnliche Sensoren verwenden, könnten das vermutlich auch. Sie tun es aber nicht, weil sie die Technik noch nicht als sicher genug in jeder Fahrsituation beurteilen.

Und wo andere Hersteller etwa auf Kameras rund um den Fahrersitz und Sensoren in Lenkrädern und Fahrersitz setzen, die die Aufmerksamkeit des Fahrers sicherstellen sollen, lässt Tesla hier offenbar deutlich mehr Freiraum. Das legt der Bericht von Consumer Reports ein weiteres Mal nahe.

Tesla-Fans übersehen eine wesentliche Frage

Hartgesottene Tesla-Fans kann dies natürlich nicht anfechten. Sie diskutieren im Internet ausführlich darüber, wie genau Consumer Reports die Sensoren im Tesla Model Y überlistet haben will, und ob dabei unrechtmäßig getrickst wurde.

Die wesentliche Frage stellen sie aber kaum: Kann ein solches unvollkommenes System, das offenbar wenig weiß über das Verhalten und die Aufmerksamkeit des Fahrers, tatsächlich als Vorstufe für Autos taugen, in denen Fahrer für längere Strecken die Hände vom Lenkrad nehmen können? Genau dies verspricht Musk nämlich für die nächste Evolutionsstufe des Autopiloten, die derzeit in der Testphase ist. Die dafür notwendigen erweiterten Softwarefunktionen inklusive Ampelerkennung baut Tesla gegen Aufpreis bereits heute in seine Neuwagen ein und nennt das System sogar "Full Self-Driving" (komplett selbstfahrend).

Zwar stellt Tesla auf der Website klar, dass die gegenwärtig aktivierten Funktionen des 7.500 Euro teuren "Volle Potenzial für autonomes Fahren"-Pakets eine aktive Überwachung durch den Fahrer verlangen. Ein autonomer Betrieb des Fahrzeugs ist damit nicht möglich, heißt es auf der Website.

Doch Musk stellt zugleich immer wieder in Aussicht, dass die mit dem Zusatzpaket ausgerüsteten Teslas bald autonom über Autobahnen fahren können. Er beruft sich dabei auf die seiner Meinung nach überlegene Bilderkennung in Tesla-Autos und darauf, dass Tesla-Autos bereits heute selbstständig detailliertes Kartenmaterial erstellen können. Das Problem an solchen Behauptungen ist bloß: Bislang hat niemand außerhalb Tesla diesen angeblichen Technologievorsprung unabhängig bewerten oder mit anderen Systemen vergleichen können.

Auch die Tesla-eigenen Sicherheitsreports geizen mit Daten, die eine Vergleichbarkeit mit anderen Herstellern ermöglichen würden. Das mag tatsächlich Geschäftsgeheimnis sein. Erstaunlich ist aber zudem, dass es bislang kaum Zeitungsberichte über Unfälle von Fahrzeugen der Konkurrenz gibt, in denen ähnliche Assistenzsysteme aktiviert waren - auch wenn es solche Crashs sicherlich tausende Male passiert sind.

Fest steht aber, dass der "Autopilot" nach allen gängigen Kriterien weiter ein Assistenzsystem bleibt – auch wenn Musk das gerne anders darstellt. Diese Diskussion über die Sicherheit und die Grenzen von Teslas Autopiloten dürfte in nächster Zeit weiter Fahrt aufnehmen. Und vermutlich wird sie sich diesmal nicht mit ein paar Musk-Tweets aus der Welt schaffen lassen.

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