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Alles wie immer – und doch ganz anders

Jan Josef Liefers ist der prominenteste Verfechter von #allesdichtmachen. Am Sonntag lief der „Tatort“ aus Münster. So wurde dazu auf Twitter diskutiert.
02.05.2021, 22:21 Uhr
Der „Tatort“ bei Twitter : Alles wie immer – und doch ganz anders

Jan Josef Liefers ist der prominenteste Verfechter von #allesdichtmachen. Am Sonntag lief der „Tatort“ aus Münster. So wurde dazu auf Twitter diskutiert.

Kurt Sagatz
An den Alpaka-Haaren herbeigezogen. So wirken derzeit viele Twitter-Kommentare zur Schauspieleraktion #allesdichtmachen, an der auffallend viele
An den Alpaka-Haaren herbeigezogen. So wirken derzeit viele Twitter-Kommentare zur Schauspieleraktion #allesdichtmachen, an der...Foto: WDR/Martin Valentin Menke

Anfang der 2010er Jahre war der „Tatort“ zum gesellschaftlichen Phänomen geworden. Die Einschaltquoten gingen durch die Decke. Menschen aller Altersstufen trafen sich regelmäßig zum „Tatort“-Schauen. Es gab „Tatort“-Kneipen und „Tatort“-Gottesdienste. Die ARD sah sich gezwungen, einem Detektiv die Verwendung des „Tatort“-Logos zu verbieten.

Der Trend zum „Second Screen“ hatte die „Tatort“-Begeisterung weiter befeuert. Auf dem großen Bildschirm liefen die Krimis aus Münster, Ludwigshafen oder München, via Smartphone oder Tablet tauschten sich Krimi-Fans in Echtzeit aus – und in den Medien war die Twitter-Kritik zum „Tatort“ geboren.

Der Lagerfeuer-Effekt des „Tatort“ hat sich abgeschwächt, den Status des beliebtesten TV-Krimis hat er behalten. Nach der umstrittenen Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen stellt sich die Frage: Welche Richtung nimmt die Twitter-Diskussion an diesem Sonntag, wo doch Jan Josef Liefers als einer der prominentesten Teilnehmer und Verfechter von #allesdichtmachen in seiner Paraderolle als Münsteraner Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne zu sehen ist?

„Tatort“-Boykott und Grabenkampf

Dass Liefers Kritik am Medien-Mainstream keine Rolle spielt, ist nicht zu erwarten. Die Frage ist vielmehr: Achtet diesmal bei Twitter überhaupt noch jemand auf die Folge „Rhythm and Love“ und die Albernheiten der Münsteraner Krimi-Komödien? Oder wird ausschließlich der Grabenkampf nach den Schauspielervideos unter dem Hashtag #tatort unversöhnlich fortgesetzt?

Für einige Twitter-Nutzer steht schon vor Sendungsbeginn fest, dass sie an diesem Sonntag keinen „Tatort“ schauen wollen. „Ich trenne gerne Person und Rolle. Bei dem was sich @JanJosefLiefers und Konsorten #geLIEFERT haben gelingt mir das nicht. Mir würde das Lachen im Halse stecken bleiben. Deshalb #TatortBoykott“, kündigte ein Nutzer an und war damit keineswegs allein.

„Der erste Münster-Tatort, den ich wegen eines der Hauptdarsteller nicht mehr anschauen werde. Weitere werden dann folgen“, heißt es in einem anderen Tweet, gefolgt von „Habe diese Woche genug von #Liefers gesehen.“ Andere Twitter-Nutzer kündigen hingegen an, den Boykott zu boykottieren: „Ich erlaube mir diesem #TatortBoykott Blödsinn nicht zu folgen. Und ich behalte mir vor, den #Tatort aus Langeweile abzuschalten.“

Aber auch so wurde der Boykottaufruf diskutiert: "Was ist nur mit den Menschen los? Eine Sendung boykottieren, weil man die Meinung eines Schauspielers der da mitspielt nicht aushält?? Man muss sich langsam echt Sorgen machen.... " Ein Effekt des Boykotts war offenbar, dass der Hashtag #Tatort am Sonntagabend nicht trendete, dafür aber #AxelPrahl. Schade für Axel Prahl, wurde in vielen Tweets bedauert.

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Analogien zwischen dem aktuellen Fall und der Causa #allesdichtmachen lassen sich schwerlich finden. Aus dem Plagiatsvorwurf gegen Professor Boerne und der Medienkritik von Jan Josef Liefers sicherlich nicht. Auch der Blick auf den „Tatort“-Stab bringt nichts: Kein Dietrich Brüggemann oder Thomas Bohn als Regisseur weit und breit. Regie bei „Rhythm and Love“ führte Brigitte Maria Bertele, das Drehbuch stammt von Elke Schuch. Und von Freier Liebe zur Meinungsfreiheit – „man kann alles sagen, aber nicht ungestraft“ – ist es doch ein ziemlicher weiter Weg.

"Tatort"-Verweigerer contra Maßnahmen-Kritiker?

Die Befürworter und Gegner von #allesdichtmachen blieben unter dem Hashtag #tatort in der Minderheit. Das Für und Wider der Schauspieleraktion wurde jenseits des Boykottaufrufs kaum diskutiert.

Dagegen kehrte die große Mehrheit der Twitter-Nutzer unter dem Hashtag #tatort sehr schnell zum üblichen Meinungsaustausch zurück. Besonders bewegten offenbar Details wie die Gummistiefel, polyamore Beziehungen, Haarproben und Haarspalterei in der Pathologie, der Katholizismus in Münster und die Glaubwürdigkeit von Priestern, Dauerkarten für die Beichte sowie erschummelte schwarze Gürtel, die ausgiebig besprochen wurden. Szenenapplaus gab es für "Vaddern" alias Claus D. Clausnitzer, Staatsanwältin Klemm aka Mechthild Großmann und das Alpaka-Paar. Und immer wieder wird gefragt: Warum ist Thiels ehemalige Assistentin Nadeshda Krusenstern alias Friederike Kempter nicht mehr dabei. Nach dem Action-Ende am Fischteich dürfte künftig wohl eher gefragt werden, was die Kniescheibe des neuen Assistenten Mirko Schrader (Björn Meyer) macht.

Münsteraner Humorversuche

Ob es der Versuch war, es wie die Schauspieler von #allesdichtmachen mit Ironie zu versuchen oder nur die übliche Klamaukadaption bei einem "Tatort" aus Münster, liegt vermutlich in der Interpretation des Betrachters.

Auffällig viele Tweets versuchten die Sache mit Humor zu nehmen. So wie mit "Sagt Börne zu Alberich eigentlich nach der Obduktion auch "Alles wieder dicht machen?" oder kann man sich den #tatort heute ansehen?" oder mit "Immerhin kann sich niemand auf Boernes Tisch beschweren." Oder in Kombination zum Corona-Thema: "Trommeln und Hirn ausschalten. Kenn ich von den Querdenkerdemos."

Sechs weitere Münster-Folgen bestellt

Das Fazit vieler Twitter-Nutzer deckt sich mit der Rezension unseres TV-Kritikers, der einen eher durchschnittlichen Münster-„Tatort“ gesehen hat. Die Zukunft des Münster-„Tatort“ hängt indes nicht von #allesdichtmachen und der Twitter-Diskussion zum Sonntags-"Tatort" ab: Der WDR hat sechs weitere Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl bestellt.

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