Deborah E. King: documenta 15: Wo postkoloniale Ideologie und Rechtspopulismus sich treffen

Deborah E. King: documenta 15: Wo postkoloniale Ideologie und Rechtspopulismus sich treffen
Die documenta 15 geht in Kürze zu Ende und die Kuratoren feiern sie schon jetzt als Erfolg

Um den Grad an Wahn und die Kompatibilität mit populistischer Ideologie aufseiten der Findungskommission zu verstehen, welche dafür verantwortlich war, dem Agitprop-Kunstkollektiv ruangrupa die Kuratorenschaft über die documenta 15 zu verleihen, sollte man folgende Passage aus der englischen Fassung ihrer kürzlich erfolgten Verlautbarung zur Verteidigung ihrer Entscheidung einmal auskosten:

„We celebrate the hundreds of thousands of visitors who have seen, visited, and been enriched by the exhibition. We believe their voice should also be heard.”

Als ob der Verweis auf die Massen in irgendeiner Weise das rechtfertigen oder legitimieren könnte, was aufgrund simpler Beurteilung durch Vernunft eindeutig falsch ist.

Als ob eine Art von „Bereicherung“ (enrichment) der Besucher – was auch immer genau damit gemeint sein sollte – automatisch als gegeben zu betrachten sei.

Als ob nicht mehr als nur einige Wenige in diesen Massen offen antisemitische Einstellungen haben, wie es beispielsweise die Bildungsstätte Anne Frank bezeugte, deren Mitarbeiter nach eigenen Angaben mit mehr als tausend Besuchern vor Ort sprachen.

Und als ob diese hunderttausende von Besuchern, unter ihnen vermutlich vor allem Deutsche sowie internationale Touristen, die es sich leisten können, weltweit zu Kunstausstellungen zu reisen, in irgendeiner Weise Stimmen repräsentieren würden, die bislang nicht gehört wurden – ähnlich jenen unterdrückten Stimmen aus dem sogenannten „globalen Süden“, denen bei der documenta eine Bühne zur Verfügung gestellt werden sollte.

Gerade an Punkten wie diesem überschneiden sich postkoloniale Ideologie und Rechtspopulismus, die sich dem erstem Anschein nach selbst doch als einander entgegengesetzt verstehen. Beide Lager sind der Auffassung, dass die Shoah eine dominierende Stelle in der Erinnerungskultur besetze, die sie vor dem Hintergrund anderer Genozide und Massenmorde, welche sich in der Menschheitsgeschichte zutrugen, nicht verdiene.

Die – mindestens impliziten – Schlussfolgerungen solchen Denkens sind,

dass es den Juden und Israel seit dem Ende der Shoah auf Kosten anderer Opfer zu gut ergangen sei dass was den Juden unter den Nazis passierte lediglich eine Fortsetzung früherer Verbrechen gewesen sei (nämlich aus Sicht der postkolonialen Ideologen derjenigen, die von den Kolonialmächten verübt worden waren, und aus Sicht der politisch weit rechts Stehenden derjenigen der Sowjetunion) und dass die Shoah keine besonderen Merkmale habe, die sie qualitativ davon unterschieden, was als eine einzige lange Kette vorausgegangener sowie nachfolgender Massenmorde aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen betrachtet wird.

Wenn also jemand, der wie die Künstler des sogenannten „globalen Südens“ auf der documenta als Opfer von Kolonialverbrechen wahrgenommen wird, antisemitische Bilder im Rahmen seiner Kunst produzierte, so würde dies automatisch nicht als vollwertiger Antisemitismus gelten, da seine Perspektive als Opfer bislang nicht beachtet oder gar unterdrückt worden sei. Umso mehr, wenn sich diese Person mit den Palästinensern als Opfern eines weiteren Kolonialverbrechens identifizierte, das vorgeblich von Juden verübt wurde. Dies ist das Bindeglied zu Narrativen, die bei der Rechten beliebt sind und postulieren, dass die eigene Gruppe leide und ihre natürlichen Rechte von jüdischen Mächten unterdrückt würden. Was beide Ideologien vereint ist im Kern die Idee, dass Juden und / oder Israel sich mittels der Shoah ein zu großes Stück vom Kuchen abgeschnitten hätten. Gegen diesen Hintergrund betrachtet beliefe sich die Normalisierung von Antisemitismus auf den Gebieten von Kultur und Akademia – ob nun bei der documenta oder anderswo – auf lediglich einen kleinen Schritt in Richtung Ausgleich eines vermeintlich großen Unrechts.

Was für eine Ironie ist es doch, dass einige der zentralen Anliegen Ernst Noltes, des Hauptprotagonisten der Rechten bei der als Historikerstreit bekanntgewordenen Debatte aus den 1980ern, der die Ansicht vertrat, dass die Shoah eigentlich von den vorausgegangenen Verbrechen der Sowjetunion inspiriert worden sei und eine Reaktion auf diese dargestellt hätte, heutzutage in der Ideologie einer aus einem Teil der politischen Linken hervorgegangenen Bewegung wiederauftauchen, die es darauf angelegt hat, diese auf ein Erfolgsniveau zu führen, welches jener niemals für sich verbuchen konnte.

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