Börsen: Wie viel Rezession ist in den Aktienkursen schon drin?

Bumpy ride ahead: Wie viel Rezession ist in den Aktienkursen bereits eingepreist?

An den Finanzmärkten bleibt es turbulent. Denn die Anzeichen mehren sich, dass sich das Wirtschaftswachstum in Europa und in den USA 2023 deutlich abschwächt. Schuld ist die Inflation. Aber wie sehr spiegeln die derzeitigen Kurse diese Abschwächung bereits wider?

Auf ein fortgesetztes Auf und Ab werden sich Anleger bis Ende des Jahres weiterhin einstellen müssen.

Auf ein fortgesetztes Auf und Ab werden sich Anleger bis Ende des Jahres weiterhin einstellen müssen.

Jochen Tack / Imago

Es gibt Wörter, die so treffend sind, dass man sie beim Sprechen in der Magengrube spürt. «Bumpy» ist so ein Wort. Es klingt ungemütlicher und für die gegenwärtige Situation treffender als «holprig». Denn die kommenden Monate dürften für die Realwirtschaft und auch für die Finanzmärkte ungemütlich bleiben. Doch wie schlimm wird es wirklich?

Schlechte Stimmung, aber . . .

Schlimm, wenn man sich die Stimmung anschaut. Um die steht es bei den Unternehmen und den Konsumenten nicht gut. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die horrenden Energiepreise treiben die Produktionskosten in die Höhe. Alle Unternehmen, die es sich leisten können, verrechnen dies direkt ihren Kunden weiter. Firmen ohne diese Marktmacht kämpfen mit schrumpfenden Margen, die sie im schlimmsten Fall zur Geschäftsaufgabe zwingen.

Die Konsumenten leiden ebenfalls unter den höheren Energiekosten und müssen oder sollten dafür Geld beiseitelegen, das ihnen dann allerdings für den Konsum fehlt. Und die besonders in Europa und den USA massiv gestiegene Kerninflation (ohne Energie) frisst sich ausserdem in ihr Portemonnaie. Hinzu kommen Sorgen um einen Jobverlust.

Zudem bleibt die geopolitische Unsicherheit gross und damit auch die Gefahr einer Energiemangellage auf der Agenda von Politik und Wirtschaft. Unsicherheit mögen die Finanzmärkte gar nicht. Vieles spricht dafür, dass das Auf und Ab an den Börsen mindestens bis Ende des Jahres anhalten wird. Denn das Rezessionsrisiko sei nur zum Teil in den gegenwärtigen Kursen eingepreist, sagt der Chefstratege Anastassios Frangulidis von Pictet Asset Management. «Wir haben in den vergangenen Monaten eine der stärksten Bewertungskorrekturen der vergangenen Jahrzehnte erlebt. Die Märkte gehen aber immer noch davon aus, dass die Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten ein Gewinnwachstum von mindestens 10 Prozent erreichen. Das ist aus meiner Sicht zu hoch.»

. . . Konsumenten geben ihr Geld trotzdem aus

Ob diese Gewinnerwartungen tatsächlich erfüllt werden, hängt laut Frangulidis vor allem von der Inflationserwartung und der Lage auf dem Arbeitsmarkt ab: «Wenn die Notenbanken schnell und glaubwürdig die Inflation bekämpfen, indem sie die Leitzinsen erhöhen und auslaufende Anleihen in ihrer Bilanz nicht ersetzen (quantitative tightening), wird der Arbeitsmarkt schwächer – mit negativen Folgen für den Konsum und die Konjunktur.» Dies sei aber das kleinere Übel im Vergleich zu den negativen Folgen einer langanhaltenden Inflation.

Immerhin, und das ist ein Lichtblick, hat die schlechte Stimmung bis jetzt noch nicht zu Konsumverzicht geführt, die Ausgabefreude ist nach wie vor ungebrochen.

Das liegt auch daran, dass Unternehmen trotz rückläufigen Auftragseingängen keine Anstalten machen, Arbeitsplätze abzubauen – weder in den USA noch in Europa. «In den USA kommen derzeit auf einen Arbeitslosen zwei offene Stellen. Zudem sind Unternehmen wie Konsumenten finanziell solider aufgestellt als kurz vor der Finanzkrise 2008», sagt Anja Hochberg , Leiterin Multi-Asset Solutions der Zürcher Kantonalbank, die auch die Swisscanto-Strategiefonds und Vorsorgelösungen verwaltet.

Rezession ohne Jobverluste?

Der Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung könnten Gründe dafür sein, «dass sich die Lage am Arbeitsmarkt von der rezessiven Dynamik abkoppelt», schreiben die Strategen von Swiss Life Asset Managers und beziehen sich dabei speziell auf die Euro-Zone. In ihren Konjunkturperspektiven für September haben sie ihre Wachstumsprognose für die USA auf 1,6 Prozent BIP-Wachstum für 2022 nach unten korrigiert. Für 2023 rechnen sie nur noch mit einem BIP-Wachstum von 0,6 Prozent. Die Euro-Zone könnte dieses Jahr noch um 3 Prozent wachsen, 2023 nur noch um 0,9 Prozent. Für die Schweiz sagen die Swiss-Life-Experten 2,5 Prozent in diesem, 1,1 Prozent BIP-Wachstum im kommenden Jahr voraus.

«Das ist für uns noch nicht der Zeitpunkt, um Aktien überzugewichten», sagt Frangulidis. Er rät Anlegern, auf defensive Sektoren wie Versorger, Gesundheit und nichtzyklische Konsumtitel zu setzen, vor allem aber mehr Cash zu halten. Und wann werden angesichts der steigenden Zinsen Staatsanleihen wieder interessant? «3,5 Prozent, 4 oder 4,5 Prozent wird der höchste Leitzins, der in diesem Zyklus einer wieder strafferen Geldpolitik erreicht wird. Das neutrale, also langfristig richtige Zinsniveau der Fed liegt gemäss Fed-Vertretern und Marktbeobachtern bei 2,5 Prozent. Damit wird klar, dass die Geldpolitik bei einem Niveau von über 3,5 Prozent oder mehr sehr restriktiv wirkt, was gut ist für die langfristigen guten Staatsobligationen», antwortet der Leiter von Schweizer Multi Asset, Anastassios Frangulidis.

Keine starke globale Rezession in Sicht

Ebenso wie ihr Pictet-Kollege rechnet auch Anja Hochberg nicht mit einer starken globalen Rezession, bleibt aber bei Aktien ebenfalls zurückhaltend. «Ich bevorzuge Qualitätsaktien in diesem Umfeld anhaltender Inflation und sich abschwächender Wirtschaftsdynamik. Dazu gehört natürlich der Schweizer Aktienmarkt mit Unternehmen, die eine hohe Preissetzungsmacht haben», erläutert Hochberg. Auf Sektorebene setzt sie auf Energietitel mit einem hohen freien Cashflow sowie einer hohen Dividendenrendite von durchschnittlich 3,6 Prozent.

Trotz der kräftigen Zinserhöhung um 75 Basispunkte in dieser Woche werde die EZB, so Hochberg, weiter erhöhen müssen, um die Inflation in den Griff zu bekommen. «Das bedeutet für Anleger, dass sie bei Wachstumsaktien wie etwa IT-Firmen in Europa und auch in den USA eher noch vorsichtig sein sollten.» Auch wenn sie sich derzeit bei Aktien zurückhält, ist Hochberg optimistisch, dass es zum Jahresende einen positiven Kursausklang geben könnte an den Aktienmärkten. «Die institutionellen Investoren horten derzeit so viel Cash wie seit 20 Jahren nicht mehr. Und ohne ausgeprägte Rezession und mit einer kontrollierbaren Inflation könnte sich auch die Stimmung bei Unternehmen und Konsumenten wieder aufhellen.» Und davon liessen sich dann sicher auch die Finanzmärkte begeistern.

Ähnliche Nachrichten