„Bones and all“: Kannibalen-Kino mit Hipster-Touch

Arthouse-Regiestar Luca Guadagnino schickt ein junges Menschenfresser-Paar auf einen Roadtrip. Wem der romantische Zugang dieses Films nicht gefällt, ...

Arthouse-Regiestar Luca Guadagnino schickt ein junges Menschenfresser-Paar auf einen Roadtrip. Wem der romantische Zugang dieses Films nicht gefällt, bekommt hier auch ein paar gruselige Alternativen.

Von Christian Fuchs

Luca Guadagnino und Timothée Chalamet sind also wieder vereint. Der Regisseur und der Hauptdarsteller des wehmütigen Indie-Erfolgsfilms „Call Me By Your Name“ präsentieren ein neues gemeinsames Werk. „Bones and all“ spielt ebenso in den 80ern, lebt von einem Retro-Soundtrack, einprägsamen Bildern und einer tragischen Liebesgeschichte. Nur werden diesmal auch blutige Eingeweide verspeist.

Im Zentrum steht ein junge Frau (Taylor Russell), die zunächst einen beinahe unschuldigen, etwas verhuschten Eindruck vermittelt. Bis Maren auf einer Party ihrer besten Freudin einen Finger abbeißt. Beziehungsweise blitzschnell bis zum Knochen abnagt. Ihr Vater (André Holland) versucht Maren vor der Polizei zu verstecken, wie anscheinend schon öfter in der Vergangenheit. Aber dann kapituliert der Mann, lässt seine endlich volljährige Tochter alleine mit ihrem angeborenen Hunger.

Junge Frau sitzt auf Wiese

Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.

Jahrmarkt der Eitelkeiten

Maren, melancholisch gespielt von Taylor Russell aus „Waves“, trifft auf ihrer Flucht durch Amerika auch andere versteckt lebende Kannibalen. Da ist ein älterer und anlassiger Typ namens Sully (ein gespenstischer Mark Rylance im Neo-Trachtenlook), der ihr Tipps für das Überleben und Jagen gibt. Vor allem ist sie aber von Lee fasziniert, einem jungen Hipster-Menschenfresser mit Rockstar-Charisma.

Timothée Chalamet legt diese Rolle so übertrieben dandyhaft an, dass erstmals in seiner Karriere die Aura des sexy Shootingstars verblasst. Wenn er seine grungigen Haare im Wind wehen lässt, bestimmte bewährte Sehnsuchts-Haltungen einnimmt oder den verkniffenen Trademark-Outlaw-Blick der Kamera entgegenwirft, wartet man nur bis der Fotograf eines Lifestyle-Magazins auftaucht.

Szene aus "Bones and All": junger Mann trinkt aus einer Tasse

Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.

Brutalität als Stilmittel

„Bones and all“ wirkt aber überhaupt wie ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Aus dem künstlerisch spannenden Filmemacher Luca Guadagnino scheint ein Poseur im Regiestuhl geworden zu sein. Filme wie „A Bigger Splash“ und vor allem „Call Me By Your Name“ begeisterten durch einen poppigen und oft verträumten Zugang, mit dem Horror-Remake „Suspiria“ versuchte Guadagnino die Edginess des Genrekinos mit Politkritik zu verbinden. Nicht auf durchgängig gelungene, aber zumindest interessante Weise.

Die Brutalität als Stilmittel tut dem Italiener jedenfalls gar nicht gut. „Bones and all“ zelebriert aber auch eine asoziale Attitude, hinter der sich nur wenig Substanz verbindet. Das Roadmovie-Motiv lässt an Klassiker wie „Badlands“ denken, in dem Sissy Spacek und Martin Sheen als Amokläufer-Pärchen durch das Teenage Wasteland driften. In dem Film von Terrence Malick heischen die Charaktere aber in keiner Sekunde um Sympathie oder gar Mitleid.

junges Paar sitzt auf einer Wiese

Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc.

Mit Badlands der Belanglosigkeit hat ein cinephiler Freund „Bones and all“ auf den Punkt gebracht. Ein Vergleich mit dem Vampirfilm-Genre drängt sich auf. Während das Blutsaugen jedoch oft eine Metapher für Sex, Macht und abgründige Philosophien ist, steht der Kannibalismus hier nur für explizites Abnagen bis auf die Knochen. Das macht es besonders schwer, den Figuren und ihrer romantischen Getriebenheit zu folgen. Erst recht bei einer Länge von 2 Stunden und 10 Minuten.

Bonus: Kannibalistische Filme für starke Nerven„The Silence of the Lambs“: Darauf einen Chianti!

Man kommt bei dem Themenfeld Menschenfressen nicht am berühmtesten Gourmet des Horrorgenres vorbei. Anthony Hopkins, mittlerweile ein Garant für Kinotränen, hat als Hannibal Lecter mehrere Generationen erschrocken. Über die vielen weiteren Auftritte des kannibalistischen Psychiaters kann man hitzig diskutieren. „Das Schweigen der Lämmer“, von 1991, ist längst ein Gänsehaut-Klassiker. Und, auch ja, die gespenstisch-stylische Serie mit Mads Mikkelsen als Lecter muss trotzdem erwähnt werden. Nie haben Menüs aus Menschen so chic serviert ausgesehen.

Szene aus "Das Schweigen der Lämmer": blutverschmiertes Gesicht von einem Mann hinter Gitterstäben

Century Fox

„Zombies unter Kannibalen“: Gipfeltreffen der Leinwand-Monstren

In den 70er Jahren entstand in Italien ein Filmgenre, das seine Einflüsse aus den verschiedensten Richtungen nahm. Im Kannibalen-Kino trafen die reißerischen Momente aus Natur-Dokus auf Stilmittel des grindigen Exploitationfilms. Was damals ein größeres Publikum anlockte, wirkt heute so unwoke dass es weh tut. Filme wie „Nackt und zerfleischt“ oder „Cannibal Holocaust“ genießen in Splatterkreisen Kultstatus, schocken aber mit Sexismus, Rassismus und Tieren, die vor der Kamera getötet werden.

Zumindest die letztere Tabugrenze überschreitet der irrwitzigste Mashup-Film des Genres glücklicherweise nicht. Und auch hier ist ausnahmsweise der deutsche Titel Plicht: „Zombies unter Kannibalen“, 1980, verspricht Schmutz und Schund unter tropischen Palmen, einen bizarren Plot und ein durchgeknalltes Gipfeltreffen der Leinwand-Monstren. Und der Film löst das alles ein.

Zombies unter Kannibalen

XT Video

„The Hills Have Eyes“: Mutanten auf Menschenjagd

Menschenfressende Hinterwäldler gehören seit „The Texas Chainsaw Massacre“ zum Standardpersonal des Horrorkinos. Besonders grimmig wird es aber, wenn die ländliche US-Bevölkerung durch radioaktive Strahlung zu monströsen Killer-Kannibalen mutiert. In seinem Remake eines 70ies-Low-Budget-Hits nimmt Regisseur Alexandré Aja 2006 diese abstruse Idee bitter ernst. Wenn für einen Film Triggerwarnungen erfunden wurden, dann für diesen.

The Hills Have Eyes: Mann mit blutverschmiertem Hemd und Hund

Century Fox

Von „Raw“ bis „Fresh“: Feministischer Hardcore-Hunger

Geht es um künstlerische Zugänge zu Blut und Beuschel befinden sich immer öfter Frauen im Regiestuhl und/oder vor der Kamera. Fast kaum erträglich, aber beeindruckend streng, erzählt die Belgierin Marina de Van in „In My Skin“ von einer Frau, die versucht, sich selbst zu verspeisen - und spielt auch noch die Hauptrolle.

Heftig geht es auch in „Raw“ zu, dem Spielfilmdebüt der Cannes-Gewinnerin Julia Ducournau („Titane“). Eine junge Studentin der Veterinärmedizin muss grausame Initiations-Rituale auf der Uni erdulden. Dabei kommt die vegane Frau auf den Fleischgeschmack, bald stehen Kollegi*innen auf dem Menüplan.

"Fresh": Paar auf Tanzfläche

Hulu

Ironischer, sarkastischer, aber trotzdem ziemlich hart ist die Hulu-Produktion „Fresh“. Regisseurin Mimi Cave lässt ihre Protagonistin eine wahre Hölle durchlaufen, als sie einen Mann trifft, hinter dessen lässigem Charme ein Psychopath wohnt. Wie dieser kleine, feine und sehr gemeine Streifen toxische Männlichkeit und das moderne Datingverhalten parodiert, darüber reden wir demnächst in einem FM4 Film Podcast.

Publiziert am 24.11.2022

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